Spanien

Das lauteste Land Europas

Manuskript des Beitrages vom 25.04.2010

von Robert Jahn

"Ohren zu und durch!" – das ist das Motto in Spanien. In keinem anderen Land Europas ist der Klang der Zivilisation lauter als hier. Windrose-Reporter Robert Jahn hat sich in den Lärmdschungel hineingewagt. In der Hauptstadt Madrid untersucht er das Verhältnis von Lebensqualität und Lärmpegel.

Stadtansicht Madrid

Willkommen in Madrid. Würde Europa eine Lärmhauptstadt suchen – die spanische Millionenmetropole wäre ein ganz heißer Titelanwärter. Das Brummen und Dröhnen ist allgegenwärtig. Doch woher kommt der Lärm genau? Wirklich greifen lässt sich das nicht. Ein Internetprojekt verspricht Änderung. Mit Maus und Computer kann man – wie hier auf der Plaza de Espana - den Lärmquellen auf die Schliche kommen.

Fotograf mit Kamera und Stativ im Straßenverkehr
Ivan Huelves Illas erfasst die Lärmquellen Madrids

O-Ton: Ivan Huelves Illas, Medienkünstler

"Worum es mir geht, ist das Lärmerleben sichtbar zu machen. Ich will damit die Leute auf das Problem des Lärms hier in Madrid aufmerksam machen. Mit meiner Homepage können die Leute die Lärmquellen identifizieren, die Madrid so laut machen."

"Much ado about nothing" – "Viel Lärm um nichts" heißt das Projekt. Seit 2008 zieht der 23-jährige Grafikdesigner Ivan mit Freundin Violetta dafür durch Madrid. Gemeinsam halten sie den Lärm der Großstadt in Bild und Ton fest. Es entstehen 360-Grad-Geräuschfotos, voller Lärmquellen. Was als Abschlussarbeit an der Universität begann, ist längst eine Leidenschaft. Denn Lärm ist für Ivan mehr als nur Krach.

O-Ton: Ivan Huelves Illas, Medienkünstler

"Wenn es um Lärm geht, dann denken wir oft nur an die Lautstärke. Ob etwas leiser oder lauter ist. Aber es geht auch um die Art der Geräusche, ob du sie angenehm oder unangenehm findest. In einer Bar zum Beispiel, da ist für mich Krach etwas Angenehmes. Ob der Lärm hier in Spanien anders ist als sonstwo in Europa, das ist schwer zu sagen – aber ich denke schon."

Stadtansicht Madrid mit blauen und roten Linien - Die blauen und roten Linien zeigen Lärmquellen an - Bild aus dem Lärmprojekt eines Medienkünstlers
Die Bilder des Grafikdesigners zeigen, wo der Lärm entsteht

Der Lärm, der den Menschen in Madrid zu schaffen macht, hat mit südländischer Lebensart aber nur bedingt zu tun. Der allgegenwärtige Autoverkehr ist das eigentliche Übel. Madrid gilt unter Städteplanern als amerikanischste Stadt Europas. Fast ohne Lärmschutz ziehen sich die Hauptverkehrsadern durch die Stadt. Lärmpegel von 75 Dezibel sind keine Seltenheit. So starker Lärm macht auf lange Sicht krank. Mit Noise Maps – Lärmkarten - will die EU gegen den Lärm kämpfen. Wie hier in Madrid zeigen die Karten die Geräuschbelastung durch Autos, Bahn und Flugzeuge im Tagesverlauf. Rote und lila Flächen markieren die gefährlichsten Gebiete. Ruhig lebt es sich nur in grünen Gegenden. Alle großen Städte in der EU mussten diese Karten erstellen.

O-Ton: Miguel Ausejo Prieto, Lärmforscher Polytechnische Universität Madrid

"Unsere Noise Maps dienen dazu Aktionspläne gegen den Lärm zu entwickeln. London beispielsweise hat die Citymaut für Autofahrer eingeführt. Dort zahlen die Lärm- und Abgasverursacher so auch für die akustische Verschmutzung der Innenstadt."

Eine Citymaut lässt in Madrid noch auf sich warten. Doch seit zwei Jahren setzt die Stadt auf eine andere Art der Lärmbekämpfung. Wenn es Nacht wird, patrouillieren Anti-Lärm-Einheiten in den Straßen. Die Männer der Stadtverwaltung sind undercover unterwegs. Wer die Grenzwerte von 30 bis 35 Dezibel überschreitet, dem drohen harte Strafen. Bis zu 12.000 Euro für Kneipen oder Diskotheken und 600 Euro für Privatleute. Über 60 Dezibel messen die Anti-Lärm-Männer vor dieser Kneipe - und das um zwei Uhr nachts.

Verkehrsstau in Madrid
Madrids Straßenverkehr sorgt für einen hohen Lärmpegel

O-Ton: Francisco Muñoz Gomez, Lärmpatrouille Madrid

"Wenn Sie mich fragen, müssten wir noch mehr tun. Nicht nur in Madrid, sondern in ganz Spanien sollte es solche Anti-Lärm-Einheiten geben."

Der Party in der 60 Dezibel Kneipe setzt die Anti-Lärm-Patrouille für heute ein Ende. Doch eine ganze Großstadt lässt sich so nicht bändigen. Ivan und Violetta halten von den Polizei-Aktionen nichts. Auf sie wartet ihre nächste Baustelle im Lärmprojekt. Direkt neben einer Messstation, die Dezibelzahlen ausspuckt, wollen sie die nächsten Geräuschfotos machen.

O-Ton: Ivan Huelves Illas, Medienkünstler

"Sie messen hier 65 Dezibel. Aber was bringt das? Die Zahl erklärt doch nicht, mit welcher Art von Lärm wir leben."

Geht es nach Ivan kann Madrid gern Anwärter Nummer eins für den Titel Lärmhauptstadt Europas bleiben. Aber dann wegen der Lebensfreude der Madrilenos und nicht wegen des Verkehrslärms auf den Straßen.

Zuletzt aktualisiert: 23. April 2010, 19:41 Uhr

 

 
 
 
 
 
 

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